Auslandsprojekte

Menschen zum Verbleib in der Heimat motivieren

Seit über 20 Jahren tobt der Krieg im Irak. Insbesondere religiöse und ethnische Minderheiten, wie die Christen und Yeziden, gehören zu den Leidtragenden der immer unübersichtlicher und brutaler werdenden Lage im Land. Keinesfalls besser ist die Situation in Syrien, und das seit mittlerweile fünf Jahren. Anstelle des zunächst hoffnungsvoll anmutenden, sogenannten arabischen Frühlings versinkt das Land im Chaos. Millionen von Menschen sind auf der Flucht innerhalb des Landes und in den Anrainerstaaten. Die Flucht nach Europa, insbesondere Deutschland, ist eine mögliche Lösung, jedoch nicht einfach und findet teilweise unter lebensgefährlichen Bedingungen statt. Außerdem ist das einerseits der Grund einer größeren Destabilisierung in der Region, andererseits vermutlich das sichere Ende der Existenz bestimmter Minderheiten in beiden Ländern.

Flucht ist kein Verbrechen

Weil tagtäglich menschliches Leben auf dem Spiel steht, ist es nachvollziehbar, wenn Menschen sich selbst und ihre Kinder in Sicherheit bringen wollen. Doch es gibt genug Beispiele dafür, dass viele Menschen bewusst ihrer Heimat treu bleiben bzw. in den Nachbarländern vorübergehenden Schutz suchen, in der Hoffnung bald zurückkehren zu können. Das Erzbistum Paderborn und der Diözesan-Caritasverband möchten im Kleinen ein Zeichen setzen, indem sie Projekte fördern, die einerseits das Leben in der Region erträglicher machen, andererseits die Menschen motivieren, in der Region zu bleiben.

Im Folgenden möchten wir Ihnen Projekte vorstellen, die durch das Erzbistum Paderborn und den Diözesan-Caritasverband unterstützt werden. Sofern Sie sich in diesem Sinne einsetzen wollen und direkte Kontakte mit den Verantwortlichen wünschen, sind wir bei der Vermittlung gerne behilflich.

TMS School, Beirut

Eine Schulklasse in der TMS-Schule im Stadtteil Bourj Hammoud, Beirut, die von der syrisch-orthodoxen Erzdiözese Berg Libanon getragen wird. Syrien und der Irak zählen zu den Hauptherkunftsländern der Flüchtlinge in Deutschland. Ähnlich sieht es auch in Bezug auf den Libanon aus: Das kleinste Land der Region ist in Relation zu seiner Einwohnerzahl das größte Aufnahmeland für Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Aktuell ist mehr als jeder fünfte der 5-6 Millionen Bewohner Libanons ein Flüchtling. Die meisten von ihnen hoffen, teilweise seit mehreren Jahren, auf eine Möglichkeit der Ausreise gen Westen.

Die Geflüchteten hier haben es im Vergleich zu ihren Leidensgenossen in Europa einerseits einfacher. Sie sprechen die gleiche Sprache wie die Einheimischen, fallen äußerlich nicht auf und kennen sich mit der Mentalität der Menschen vor Ort aus. Andererseits ist das Land mit der Situation überfordert. Die meisten Geflüchteten sind in großen Flüchtlingscamps untergebracht, es herrscht absolutes Arbeitsverbot, das Schulsystem kann nicht die vielen Kinder auffangen – es droht auch hier eine „verlorene Generation".

Auch wenn es ein Tropfen auf den heißen Stein war, war es dem Erzbistum Paderborn wichtig, hier einen Beitrag zu leisten. Im Rahmen eines Vor-Ort-Besuchs wurde die TMS-Schule im Stadtteil Bourj Hammoud kontaktiert. Sie befindet sich in Trägerschaft der syrisch-orthodoxen Erzdiözese Berg Libanon und beherbergt insgesamt 375 Schülerinnen und Schüler, davon 125 Kinder aus Flüchtlingsfamilien über Religionsgrenzen hinweg. Nach Angaben der Schulleitung können die Familien in den meisten Fällen das erforderliche Schulgeld von durchschnittlich 1300 € Schüler/Jahr nicht aufbringen. „Es ist unsere christliche Pflicht, wissbegierige Kinder und ihre Familien nicht allein zu lassen - egal welcher Ethnie oder Religion sie angehören", beschreibt der Schulleiter Dr. Samir Kolo seine Motivation, nach Möglichkeit kein Kind abzuweisen. Die Schüler werden mit schuleigenen Bussen aus einem Umkreis von 10 km abgeholt. Sie stammen aus Familien, die außerhalb in Privatwohnungen wohnen und vermutlich für sich eine Bleibechance in der Region sehen.

Als kirchlich-private Schule ist die TMS auf Spenden aus dem In- und Ausland angewiesen. Das Erzbistum Paderborn hat für die Dauer eines Jahres pauschal 50.000 € zur Verfügung gestellt. Während eines Vor-Ort-Besuchs konnten wir uns ein Bild von der Arbeit der Schule machen, Flüchtlingskinder treffen und die Arbeit des Personals wertschätzen.

Kongregation von Jesus und Maria, Aleppo

Schwester Demerjian von der Kongregation von Jesus und Maria und Dr. Witt, Flüchtlingsbeauftragter des Erzbistums Paderborn „Die Menschen in Aleppo sind verzweifelt. Die Währung verliert immer mehr an Wert, die Kaufkraft sinkt, die Preise auf dem Schwarzmarkt kennen keine Obergrenze." Mit diesen Worten beschreibt Schwester Annie Demerjian von der Kongregation von Jesus und Maria die Situation in der stark umkämpften und zerstörten Stadt Aleppo in Syrien. Die ausgebildete Ingenieurin sieht ihre Mission darin, zusammen mit zwei weiteren Mitschwestern und zahlreichen Ehrenamtlichen verzweifelten Menschen ein menschenwürdiges Leben zu schenken.

Über Kirche in Not sind wir auf das Engagement von Schwester Annie und ihrer Mitstreiter/innen aufmerksam geworden und haben Schwester Annie während unserer Beirutreise im April 2016 kennengelernt. Neben dem Einsatz vor Ort, der Leitung ihrer mittlerweile kleingewordenen Kongregation in Damaskus, ist sie oft unterwegs, um Förderer zu überzeugen und neue Sponsoren zu gewinnen. Allein in Aleppo erreicht sie über 900 Familien. Die Hilfe erfolgt nach eigenen Angaben in Form von

- Versorgung mit Strom, Lebensmitteln, Kleidung und Haushaltsartikeln,
- Bereitstellung von Heizmaterial im Winter,
- notdürftige Renovierung von Kriegsschäden an Häusern und Wohnungen,
- psychologische Betreuung und
- Schaffung von Arbeitsbedingungen durch Auftragsvergaben an lokale Betriebe (wie Schneidereien, Elektriker, Fahrdienste, etc.)

Auf die Frage, wie sie das schafft, antwortet Schwester Annie mit Tränen in den Augen: „Gott arbeitet mit kleinen Leuten". Diese Überzeugung gebe ihr Kraft, um in Kooperation mit weiteren Partnern auch in anderen Städten wie Damaskus und Al Hassaka aktiv zu bleiben und dadurch insgesamt über 2000 Familien unterstützen zu können. Sie ist überzeugt, dass noch mehr Menschen sich für einen Verbleib in Syrien entscheiden würden, wenn sie eine Überlebenschance für sich und ihre Familien hätten.

Das Erzbistum und der Diözesan-Caritasverband Paderborn haben die Arbeit dieser kleinen Kongregation in 2016 mit insgesamt 130.000 Euro unterstützt.  Insbesondere in Aleppo ist ihre Arbeit gefragter denn je. Weitere Spenden werden wir gerne direkt weiterleiten und sind bei der Vermittlung von Kontakten behilflich.

„Assyrisches Komitee für humanitäre Hilfe und Entwicklung", Kamishli

Als Hoffnung auf eine Demokratisierung Syriens losgegangen, zeigt der Bürgerkrieg seit mittlerweile fünf Jahren seine Hässlichkeit. Die Fronten wechseln oft. Faktisch ist niemand und kein Ort sicher. Eine kleine Ausnahme bildete der Bezirk Al Hassaka im Norden Syriens. Abgesehen von einigen Zwischenfällen ist der Bezirk verhältnismäßig ruhig geblieben. Dies hat gleichzeitig zur Folge, dass die Flüchtlingszahlen aus anderen Landesteilen kontinuierlich gestiegen sind. Durch starkes ehrenamtliches Engagement wird der Versuch unternommen, trotzdem das Leben erträglich zu machen, wie wir im folgenden Beispiel feststellen können.

Kamishli ist eine Stadt mit über 200.000 Einwohnern im Bezirk Al Hassaka, Nordsyrien. Sie wurde vor ca. 100 Jahren von Aramäern/Assyrern gegründet, die vor dem Völkermord im Osmanischen Reich geflüchtet waren. Heute ist sie multiethnisch und -religiös. Durch die relativ ruhige Lage suchen immer mehr Menschen hier Schutz vor dem Bürgerkrieg. Doch diese Entwicklung ist zugleich eine Ursache für Herausforderungen wirtschaftlicher und sozialer Art: Es mangelt mittlerweile an Nahrungsmitteln, Energiestoffen wie Heizöl, Strom, Benzin und Gas, die Preise steigen. Durch das Fehlen funktionierender staatlicher Strukturen bleibt die Versorgung sowohl der Alteingesessenen als auch der Geflüchteten auf der Strecke. Aufgrund dieser Entwicklung gründeten engagierte Personen das „Assyrische Komitee für humanitäre Hilfe und Entwicklung". Ziele des Komitees sind:

  • Unterstützung von bedürftigen Familien unabhängig von ihrer Ethnie und Religion. Diese Hilfe wird jedem Bedürftigen kostenfrei zur Verfügung gestellt.
  • Finanzielle Unterstützung für bedürftige Studenten, damit sie ihr Studium fortsetzen können.
  • Durchführung von Maßnahmen und kleinen Projekten, die junge Menschen dazu befähigen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.
  • Verfestigung einer Kultur des zivilgesellschaftlichen Engagements sowie die Unterstützung von freiwilligen Aktivitäten. Menschen zu gemeinnützigen Diensten zu motivieren.
  • Gründung einer Ambulanz zur kostenlosen medizinischen Behandlung – inkl. Medikamentenversorgung – für bedürftige Menschen unabhängig ihrer Ethnie oder Religion.

Insbesondere eine Unterstützung der zuletzt genannten, hauptsächlich durch niedergelassene christliche Ärzte geführten Ambulanz, scheint uns als ein effektiver Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort sehr sinnvoll. Die Nachfrage nach kostenloser Behandlung inklusive Medikamentenversorgung steigt von Tag zu Tag. Um den Menschen in Kamishli und Umgebung eine Perspektive geben zu können, hat der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn diese kleine Ambulanz mit einem Betrag von 25.000 Euro aus Spendenmitteln unterstützt. Am Palmsonntag 2017 wurde sie unter Teilnahme zahlreicher Gäste aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Caritasverband wurde bei der Eröffnung durch Abouna Sameer Canoun, chaldäischer Priester, Kamischli, vertreten. Mehr dazu im Video.

Sowohl für eine Verwaltungskraft als auch für die Beschaffung von Medikamenten ist die Ambulanz weiterhin auf Unterstützung angewiesen. Haben Sie Interesse an einer Kooperation oder Partnerschaft mit der kostenlosen medizinischen Ambulanz in Kamishli? Wir sind gerne vermittelnd tätig.