Auslandsprojekte
Menschen zum Verbleib in der Heimat motivieren
Seit über 15 Jahren tobt der Krieg in Syrien. Auch der Sturz des langjährigen Regimes im Dezember 2024 hat den Menschen den ersehnten Frieden nicht gebracht. Viele Player in wechselnden Koalitionen tragen ihre Machtkämpfe auf dem Rücken unschuldiger Menschen aus. Nach wie vor sind Millionen von Menschen auf der Flucht innerhalb des Landes und in den Anrainerstaaten. Die Flucht nach Europa, insbesondere Deutschland, ist eine mögliche Lösung, jedoch nicht einfach und findet teilweise unter lebensgefährlichen Bedingungen statt. Außerdem ist das einerseits der Grund einer größeren Destabilisierung in der Region, andererseits vermutlich das sichere Ende der Existenz bestimmter Minderheiten, ähnlich wie in manchen anderen Ländern in der Region.
Flucht ist kein Verbrechen
Weil tagtäglich menschliches Leben auf dem Spiel steht, ist es nachvollziehbar, wenn Menschen sich selbst und ihre Kinder in Sicherheit bringen wollen. Doch es gibt genug Beispiele dafür, dass viele Menschen bewusst ihrer Heimat treu bleiben bzw. in den Nachbarländern vorübergehenden Schutz suchen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Das Erzbistum Paderborn und der Diözesan-Caritasverband möchten im Kleinen ein Zeichen setzen, indem sie Projekte fördern, die einerseits das Leben in der Region erträglicher machen, andererseits die Menschen motivieren, in der Region zu bleiben.
Im Folgenden möchten wir Ihnen Projekte vorstellen, die durch das Erzbistum Paderborn und den Diözesan-Caritasverband unterstützt werden. Sofern Sie sich in diesem Sinne einsetzen wollen und direkte Kontakte mit den Verantwortlichen wünschen, sind wir bei der Vermittlung gerne behilflich.
Kongregation von Jesus und Maria
„Die Menschen in Syrien sind verzweifelt. Die Währung verliert immer mehr an Wert, die Kaufkraft sinkt, die Preise auf dem Schwarzmarkt kennen keine Obergrenze." Mit diesen Worten beschreibt Schwester Annie Demerjian von der Kongregation von Jesus und Maria die Situation in Syrien. Die ausgebildete Ingenieurin sieht ihre Mission darin, zusammen mit drei weiteren Mitschwestern und zahlreichen Ehrenamtlichen verzweifelten Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Seit April 2016 fanden zahlreiche Reisen in die Region statt, um sich vor Ort ein Bild von der Situation der Menschen zu machen. Durch die mitgebrachten Bilder und Informationen waren wir einerseits sehr betroffen, andererseits schwer beeindruckt. Betroffen, in was für einer elenden Situation unschuldige Menschen im syrischen Bürgerkrieg ausharren müssen, beeindruckt vom Engagement einer kleinen Kongregation, mit dem Hauptsitz in Beirut. Ihre Mitglieder versuchten teilweise unter Einsatz ihres Lebens, den Menschen etwas zurückzugeben, was andere ihnen streitig machten: Menschenwürde.
In einer Musik- und Malschule in Damaskus sollen Kinder und Jugendliche ein Musikinstrument erlernen und dabei ihr Kriegstrauma verarbeiten können. Fotos: cpd /Barjosef
Aus Mitteln des Erzbistums und des Diözesan-Caritasverbandes unterstützt Sr. Annie unter anderem in Damaskus und Aleppo zahlreiche Familien und Einzelpersonen. Anfangs ging es in erster Linie um die Versorgung mit Strom, Lebensmitteln, Kleidung und Haushaltsartikeln, Bereitstellung von Heizmaterial im Winter, notdürftige Renovierung von Kriegsschäden an Häusern und Wohnungen, psychologische Betreuung und Schaffung von Arbeitsbedingungen durch Auftragsvergaben an lokale Betriebe (wie Schneidereien, Elektriker, Fahrdienste, etc.).
Mittlerweile ist das Angebot deutlich ausgeweitet worden. So zum Beispiel um das Musik- und Malcenter in der Altstadt von Damaskus. Während die Kinder in verschiedenen Gruppen ihren Interessen nachgehen, um die Traumata des Krieges zu verarbeiten und ein Stück Normalität zu erleben, stehen nebenan die Schwestern für Gruppen- und Einzelgespräche für die Eltern zur Verfügung.
Auf die Frage, wie sie das alles schaffen, antwortete eine der Schwestern mit Tränen in den Augen: „Gott arbeitet mit kleinen Leuten". Sie sei überzeugt, dass noch mehr Menschen sich für einen Verbleib in Syrien entscheiden würden, wenn sie eine Überlebenschance für sich und ihre Familien hätten.
In dieser Hoffnung leisten das Erzbistum Paderborn und der Diözesan-Caritasverband seit über zehn Jahren einen wichtigen finanziellen Beitrag zur Linderung der Fluchtursachen. Außerdem sollen die Menschen wissen, dass wir in Gebet und Tat bei ihnen sind.
„Assyrisches Komitee für humanitäre Hilfe und Entwicklung", Kamishli
Die Caritasdelegation zusammen mit dem Personal der kostenlosen medizinischen Praxis in Kamischli. Caritas
Als Hoffnung auf eine Demokratisierung Syriens losgegangen, zeigt der Bürgerkrieg im mittlerweile 15. Jahr seine Hässlichkeit. Die Fronten wechseln oft. Faktisch ist niemand und kein Ort sicher. Eine kleine Ausnahme bildete der Bezirk Al Hassaka im Norden Syriens. Abgesehen von einigen Zwischenfällen ist es in dem Bezirk verhältnismäßig ruhig geblieben. Dies hat gleichzeitig zur Folge, dass die Flüchtlingszahlen aus anderen Landesteilen kontinuierlich gestiegen sind. Durch starkes ehrenamtliches Engagement wird der Versuch unternommen, trotzdem das Leben erträglich zu machen, wie wir im folgenden Beispiel feststellen können.
Kamishli ist eine Stadt mit über 200.000 Einwohnern im Bezirk Al Hassaka, Nordsyrien. Sie wurde vor ca. 100 Jahren von Aramäern/Assyrern gegründet, die vor dem Völkermord im Osmanischen Reich geflüchtet waren. Heute ist sie multiethnisch und -religiös. Durch die relativ ruhige Lage suchen immer mehr Menschen hier Schutz vor dem Bürgerkrieg. Doch diese Entwicklung ist zugleich eine Ursache für Herausforderungen wirtschaftlicher und sozialer Art: Es mangelt mittlerweile an Nahrungsmitteln, Energiestoffen wie Heizöl, Strom, Benzin und Gas, die Preise steigen. Durch das Fehlen funktionierender staatlicher Strukturen bleibt die Versorgung sowohl der Alteingesessenen als auch der Geflüchteten auf der Strecke. Aufgrund dieser Entwicklung gründeten engagierte Personen das „Assyrische Komitee für humanitäre Hilfe und Entwicklung". Eins der zahlreichen Projekte dieses Komitees ist die Gründung einer Ambulanz zur kostenlosen medizinischen Behandlung – inkl. Medikamentenversorgung – für bedürftige Menschen unabhängig ihrer Ethnie oder Religion.
Eine Unterstützung dieser, hauptsächlich durch niedergelassene christliche Ärzte geführten Ambulanz, scheint uns als ein effektiver Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort sehr sinnvoll. Die Nachfrage nach kostenloser Behandlung inklusive Medikamentenversorgung steigt von Tag zu Tag. Um den Menschen in Kamishli und Umgebung eine Perspektive geben zu können, hat der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn diese kleine Ambulanz anfangs mit einem Betrag von 25.000 Euro aus Spendenmitteln unterstützt. Am Palmsonntag 2017 wurde sie unter Teilnahme zahlreicher Gäste aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Caritasverband wurde bei der Eröffnung durch Abouna Sameer Canoun, chaldäischer Priester, Kamischli, vertreten. Mehr dazu im Video.
Seitdem wird die kleine Praxis bei der Beschaffung von Medikamenten und einem kleinen Honorar für das nichtmedizinische Personal unterstützt. Durchschnittlich 650 Personen pro Monat lassen sich von einem der sieben Fachärzte behandeln und mit entsprechenden Medikamenten versorgen. „Sehr nachdenklich macht uns die Tatsache, dass ehemals wohlhabende Leute diesen kostenlosen Service in Anspruch nehmen (müssen)“, so Dr. Furat Makdesi, der Leiter der Ambulanz, während seiner Begegnung mit der Caritas-Delegation im Dezember 2019 in Damaskus.
