Behandlung trotz fehlender Krankenversicherung

Aachen/Paderborn, 18. November 2016. Die Zahlen, wie viele Menschen ohne gültige Papiere in Deutschland leben und damit ohne Krankenversicherungsschutz sind, variieren. Teilweise ist die Rede von bis zu einer halben Million Menschen. Allen gemeinsam ist das Risiko, notwendige Behandlungen hinauszuschieben, um bloß keinen Kontakt zu Behörden zu haben. Denn die Folge wäre die Feststellung der Personalien und eine mögliche Abschiebung.

In den letzten Jahren sind bundesweit zahlreiche Netzwerke entstanden, die mit Hilfe von freiwillig engagiertem Fachpersonal eine kostenlose und anonyme Versorgung sicherstellen. Ein solches Beispiel ist der Malteser Migranten Medizin (MMM) in Mannheim. Hier haben sogar Personen, die eine Krankenversicherung nicht abschließen können, die Möglichkeit, sich unbürokratisch behandeln zu lassen. Auch in NRW gibt es zahlreiche Initiativen dieser Art. Im Folgenden erfahren Sie mehr über das Projekt MediNetz Aachen:

Warum MediNetz?

“Jeder hat das Recht auf [...] einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich [...] ärztlicher Versorgung”
UN-Charta der Menschenrechte, Art. 25

Für schätzungsweise bis zu 500.000 Menschen ohne Aufenthaltstitel sowie EU-BürgerInnen ohne Krankenversicherung gilt dieses Grundrecht in der Praxis jedoch nur eingeschränkt! Insbesondere die erstgenannten „Illegalen“ bzw. „Papierlosen“ suchen selbst in Akutfällen keine ärztliche Hilfe auf. Aber wie kommt das?

Prinzipiell fallen Papierlose in Fragen der medizinischen Versorgung unter das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG). Darin ist geregelt, dass sie sich im Erkrankungsfall an die Behörden wenden müssen, um einen Berechtigungs- oder Behandlungsschein zu beantragen. Wird die medizinische Versorgung bewilligt, kann sich der Patient oder die Patientin an einen Arzt oder eine Ärztin wenden.

Viele Papierlose entscheiden sich trotz eines hohen Leidensdruckes gegen dieses Verfahren. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Mit dem Besuch bei der Behörde ist man registriert und es droht die Abschiebung.

Unabhängig von der Frage nach den Ursachen oder der Rechtmäßigkeit des Aufenthalts eines Menschen in Deutschland muss im Sinne des Menschenrechts und damit unserer Grundwerte gelten, dass für ihn ein barrierefreier Zugang zu einer adäquaten medizinischen Versorgung für diese Menschen gewährleistet ist.

Krankheit kennt weder einen Aufenthalts- noch einen Versicherungsstatus! In der Bundesrepublik ist dies momentan nicht der Fall.

Was ist das MediNetz?

Das MediNetz Aachen e.V. ist in erster Linie eine Anlaufstelle und vermittelt Erkrankte, die durch das deutsche Gesundheitssystem fallen, an ÄrztInnen, die sich bereiterklärt haben, diese Menschen ehrenamtlich zu behandeln. Seit Februar 2016 bieten wir eine wöchentlich stattfindende „Sprechstunde“ an, in der sich PatientInnen vorstellen können und anschließend anonym an die mit uns kooperierenden ÄrztInnen vermittelt werden.

Um eine vertrauensvolle Ebene zu den PatientInnen aufzubauen, wird jedeR PatientIn durch ein MediNetz-Mitglied betreut, was in der Vielzahl der Fälle auch die Begleitung zum Arzttermin beinhaltet. In besonders dringenden Fällen ist das MediNetz Aachen per Telefon erreichbar.

Bei der Behandlung anfallende Kosten – etwa durch diagnostische Verfahren, notwendige Medikamente oder sonstige ärztliche Verordnungen – werden, wenn möglich, von den PatientInnen selbst oder, wenn unumgänglich, von der Initiative über einen spendenfinanzierten Fond getragen.

Eine zweite Säule der Initiative ist die politische und Öffentlichkeitsarbeit, die darauf abzielt, das Loch, durch das unsere PatientInnen fallen, zu schließen.

Selbsterklärtes Ziel des MediNetzes ist es, sich selbst über die Sicherung der medizinischen Versorgung von staatlicher Seite überflüssig zu machen. Für uns gilt: Wir als MediNetz können die Wahrung unserer Grundrechte lediglich in einem demokratischen Prozess fordern. Die Verantwortung für die Wahrung dieser Rechte obliegt jedoch dem Staat und eine Übertragung der Verantwortung auf ehrenamtliche Initiativen kann auf lange Sicht auf keinen Fall akzeptiert werden.

Um dieses erklärte Ziel zu erreichen, arbeitet das MediNetz Aachen eng mit anderen Initiativen auf lokaler und überregionaler Ebene zusammen. Dazu zählen nicht zuletzt alle anderen MediNetz-Gruppen in Deutschland nach deren Vorbild wir uns organisiert haben.

Kontakt:
Medinetz Aachen e.V.
c/o Café Zuflucht
Wilhelmstraße 40
52070 Aachen
Tel.: +49 157 808337900
Mail:

Spendenkonto:
IBAN: DE44 4306 0967 4103 5891 00
BIC: GENODEM1GLS